Ein außergewöhnlicher Tag

Sonntag Tagdienst. In unserem Bezirk ist man da in der Regel das einzige Auto und hat zwischen 0 und 5 Fahrten. Die Wahrscheinlichkeit einer Reanimation ist Sonntags außerdem ebenfalls höher. (Warum das??) Bei meinem letzten Sonntag Tagdienst hatte ich eine Reanimation mit einem unterqualifizierten Freiwilligen, nennen wir ihn Dieber. Dieber sollte auch diesen Sonntag mit mir Tagdienst haben. Ahnend, dass ich im Notfall total auf mich allein gestellt sein würde fragte ich einen ehemaligen Zivildiener ob er mit mir Dienst machen würde – also zu dritt am Auto. Dieber als Fahrer und wir zwei als Sanitäter.

Der Tag beginnt ganz gemütlich mit einer kleinen Überstellung, und dann, als hätte ich es geahnt, tatsächlich ein Notfall. Mädchen, 12 Jahre, vom Pferd gestürzt, Schmerzen in der Hüfte. Am Weg zum Notfall erfahren wir auch, dass der Hubschrauber kommt.

Am Notfallort sind schon zwei First Responder anwesend, trotzdem entscheidet sich Dieber den Hubschrauber einzuweisen anstatt die Patientin weiter zu versorgen. Das Mädchen hatte Angst und starke Schmerzen. Außerdem war ihr sehr kalt – sie lag im Reitstall am Boden, wir bewegten sie aber bis zum Eintreffen des Notarztes nicht. Gemeinsam mit dem Team des NAH bargen wir sie auf die Vakuummatratze und transportieren sie zum Hubschrauber. Sie wurde durch Medikamente ruhig gestellt und in das nächste Unfallkrankenhaus geflogen. Es stellte sich heraus, dass sie einen Beckenbruch erlitten hatte.

Die nächste Fahrt war eine Einweisung in eine Nervenklinik. Auf der Hinfahrt führen wir durch Flattendorf, wo einer der First Responder vom ersten Notfall über die Straße lief und uns zu einem Haus winkte. Ohne Ahnung was los war, nur den Blick auf dem Gesicht des Ersthelfers deutend schnappten wir Defi und Sauerstoffkoffer und folgten ihm in das Haus.

Beim Anblick des Patienten, Herrn Meier, wollte ich zuerst Defipads auspacken. Er sah aus wie um die 50, die Gesichtsfarbe grau-grün, die Augen halb geöffnet. Auf den zweiten Blick sah ich, dass ein Arzt neben ihm kniete und eine Injektion verabreichte. Adrenalin, war mein erster Gedanke, doch beim näheren Hinsehen erkannte ich, dass es Glucose war. Der Patient hatte einen Blutzucker von 14. Eine halbe Stunde davor hatte der nur 35 jährige (!) Alkoholiker, der Vater zweier Kinder war, und eine stark in Mitleidenschaft gezogene Bauchspeicheldrüse besaß noch lautstark behauptet, er brauche keinen Arzt. Eine halbe Stunde später und die Defipads wäre tatsächlich angebracht gewesen, war mein nächster Gedanke.

Die Leitstelle alarmierte wieder den Hubschrauber, auch wenn der Hausarzt meine ein Notarztwagen wäre bei weitem ausreichend. Jedenfalls verluden wir den Patienten in den Hubschrauber, und wie uns später zu Ohren kam, erlitt Herr Meier am nicht einmal 10 Minuten andauernden Transport ins Spital einem Atem-Kreislauf-Stillstand, eine Reanimation blieb erfolglos.

Anschließend fuhren wir die vorher unterbrochene Einweisung in die Nervenklinik und danach eine weitere Überstellung. Das war einer meiner ereignisreichsten Sonntagtagdienste. Davor hatte ich nichtmal noch zwei Notfälle an einem Tag gehabt, geschweige denn zwei Hubschraubereinsätze.

Jedenfalls wurde mir wieder einmal klargemacht, dass eine vermeintlich „entschärfte“ Situation, wir mit Glucose behandelter Unterzucker, nach wie vor eine extrem lebensbedrohliche Situation bedeuten kann. Ein Aufatmen und wegpacken der Gerätschaften darf es daher wirklich erst nach der Übergabe des Patienten im Krankenhaus geben.

Außerdem wurde wieder einmal sehr deutlich, dass Alkohol Leben zerstören kann. Er nahm das Leben des jungen Mannes und brachte großes Leid für seine Familie, Kollegen, aber ganz besonders für seine Kinder.

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